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Sturz und Sturzprophylaxe
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Wichtiger Hinweis. Nurmedizinius ist Lernmaterial zur Vorbereitung auf Unterricht und Prüfungen in der Pflegeausbildung. Die Inhalte sind keine Handlungsanweisung für die Versorgung einzelner Patientinnen und Patienten und ersetzen weder ärztliche Anordnungen noch die Standards deiner Einrichtung. Im Notfall: Notruf 112.
Definition
Ein Sturz ist ein ungewolltes Ereignis, bei dem ein Mensch auf dem Fußboden oder einer tieferen Fläche landet – auch sitzend oder hockend. Die Sturzprophylaxe soll Stürze verhindern und ihre Folgen gering halten: durch sichere Bewegung, nicht durch weniger Bewegung.
Was im Körper passiert
Sicheres Gehen braucht ein Zusammenspiel von Augen, Gleichgewichtsorgan im Innenohr, Gefühl in Füßen und Gelenken, Muskelkraft, Aufmerksamkeit und stabilem Kreislauf. Gerät der Körper ins Wanken, fangen die Muskeln die Bewegung sofort ab. Sind mehrere Teile geschwächt – durch Alter, Krankheit oder dämpfende Medikamente –, kommt diese Reaktion zu spät. Sackt beim Aufstehen der Blutdruck ab (orthostatische Hypotonie), bekommt das Gehirn kurz zu wenig Blut: Es wird schwindelig.
Nach einem Sturz trauen viele ihrem Körper weniger. Sie bewegen sich seltener, Kraft und Gleichgewicht nehmen ab – und das Sturzrisiko steigt weiter.
Ursachen und Risikofaktoren
- Frühere Stürze und Beinahestürze
- Unsicherer Gang, schlechtes Gleichgewicht, schwache Muskeln, Gebrechlichkeit
- Angst vor Stürzen, Depression
- Verwirrtheit, Demenz oder Delir (plötzlich auftretende Verwirrtheit)
- Schwindel, Blutdruckabfall beim Aufstehen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Schlechtes Sehen oder Hören, Probleme an den Füßen, Inkontinenz, Diabetes, Schmerzen, Alkohol
- Medikamente: Psychopharmaka (z. B. Antidepressiva) und viele Medikamente gleichzeitig (Polypharmazie)
- Umgebung: Stolperfallen, ungeeignete Schuhe oder Barfußgehen, freiheitsentziehende Maßnahmen
Symptome
- Sturz in letzter Zeit, mit oder ohne Verletzung
- Unsicherheit beim Stehen oder Gehen
- Sorge, zu stürzen; Wege oder Tätigkeiten werden deshalb gemieden
- Beinahesturz: Der Sturz wird im letzten Moment abgefangen. Er zählt nicht als Sturz, zeigt aber Risiken wie schlechtes Gleichgewicht.
- Schwindel nach dem Aufstehen
- Langsamer Gang, Gehhilfe nötig
- Neue oder zunehmende Verwirrtheit
Therapie
- Nach einem Sturz: auf Schmerzen, Wunden und andere Verletzungen achten. Ist eine Verletzung behandlungsbedürftig, folgt eine umfassende Abklärung (Quelle: NICE 2025).
- Den Hergang klären: Wann, wo und wobei ist die Person gestürzt? Was war anders als sonst?
- Umfassende Abklärung nach einem Sturz im letzten Jahr, wenn eines davon zutrifft: Gebrechlichkeit, behandlungsbedürftige Verletzung, Bewusstlosigkeit im Zusammenhang mit dem Sturz, nicht allein aufstehen können oder 2 und mehr Stürze in einem Jahr (Quelle: NICE 2025).
- Sturzrisiko neu einschätzen, Maßnahmenplan anpassen, Sturz dokumentieren.
- Angst ernst nehmen: Bewegungsprogramme helfen, bei anhaltender Angst auch eine kognitive Verhaltenstherapie.
Pflege
- Zu Beginn der Versorgung das Sturzrisiko mit einem kurzen Screening erfassen, bei Hinweisen vertieft einschätzen.
- Die Einschätzung wiederholen: bei Veränderungen, nach jedem Sturz und in vereinbarten Abständen.
- Sturzangst gezielt erfragen, z. B. mit der Frage „Haben Sie Angst oder Sorge zu stürzen?“ (Quelle: DNQP-Workshop 2023).
- Maßnahmen gemeinsam mit der Person, den Angehörigen und dem Team (Medizin, Physio- und Ergotherapie) planen.
- Informieren, schulen und beraten; die Selbstbestimmung achten.
- Freiheitsentziehende Maßnahmen wie Fixierungen sind kein Mittel der Sturzprophylaxe.
- Wirkung und Akzeptanz der Maßnahmen prüfen, den Plan anpassen.
- Jeden Sturz dokumentieren und auswerten.
Vorbeugung
- Kraft- und Gleichgewichtstraining: regelmäßig, steigernd und fachlich angeleitet; auch Tai-Chi ist möglich.
- Medikamente ärztlich überprüfen lassen; sturzfördernde Mittel möglichst absetzen oder verringern.
- Die Wohnung auf Stolperfallen prüfen, z. B. mit Unterstützung der Ergotherapie.
- Feste, gut sitzende Schuhe tragen; Probleme an den Füßen behandeln lassen.
- Sehen und Hören prüfen lassen; Brille und Hörgerät nutzen.
- Blutdruckabfall beim Aufstehen ärztlich abklären lassen.
- Gehhilfen passend auswählen und sicher nutzen.
Komplikationen
- Prellungen, Wunden und Verstauchungen
- Knochenbrüche, besonders bei Osteoporose (Knochenschwund)
- Im schlimmsten Fall Tod
- Angst vor weiteren Stürzen, wenig Vertrauen in den eigenen Körper
- Weniger Bewegung, abnehmende Mobilität
- Sozialer Rückzug bis zur Vereinsamung
Ergänzt aus Leitlinien
- Etwa 30 % der Menschen über 65 Jahre stürzen jedes Jahr. (Quelle: World Falls Guidelines 2022)
- Zwei Stufen: kurzes Screening zu Beginn, bei möglichem Risiko vertiefte Einschätzung von Person, Medikamenten und Umgebung. (Quelle: DNQP 2022)
- Screening-Fragen: Gestürzt in den letzten 12 Monaten? Unsicher beim Stehen oder Gehen? Sorge vor Stürzen? (Quelle: DNQP-Workshop 2023)
- Vorhersage-Instrumente für das Sturzrisiko (Risikoskalen mit Punktwerten) werden nicht empfohlen. Gemeint sind nicht die kurzen Screeningfragen: Es gibt keine belastbaren Hinweise auf ein Verfahren, das besser als andere zwischen gefährdeten und nicht gefährdeten Personen unterscheidet. (Quelle: NICE 2025; DNQP-Workshop 2023)
- In Klinik und Pflegeheim werden keine Risikoskalen eingesetzt; ältere Menschen dort erhalten eine umfassende Sturzabklärung. (Quelle: NICE 2025)
- Begriffsbestimmung „schwerer Sturz“: Sturz mit Verletzungen, die ärztlichen Rat erfordern, mit mindestens 1 Stunde Liegen am Boden ohne die Fähigkeit aufzustehen, mit sofortigem Besuch der Notaufnahme oder mit Bewusstlosigkeit. (Quelle: World Falls Guidelines 2022)
- Training soll steigernd und auf die Person abgestimmt sein und Gleichgewicht, Koordination und Kraft üben (Quelle: NICE 2025); auch Tai-Chi und Tanz zählen dazu (Quelle: DNQP-Workshop 2023).
- Vitamin-D-Präparate eigens zur Sturzvorbeugung: Der Nutzen ist nicht ausreichend belegt. Für die Gesundheit von Knochen und Muskeln gelten die allgemeinen Empfehlungen zu Vitamin D. (Quelle: NICE 2025)
- Das DNQP lehnt jede Form freiheitsentziehender Maßnahmen zur Sturzprophylaxe ab. (Quelle: DNQP 2022)
- Zur Wirksamkeit einzelner Maßnahmen: Für Medikamentenanpassung, Sehkorrektur und Schulung fanden sich keine klaren Effekte auf Stürze, für die Wohnumgebung waren keine eindeutigen Schlüsse möglich; deutlicher sind die Effekte von Training und von Programmen mit mehreren Bausteinen (im ambulanten Bereich). (Quelle: DNQP-Workshop 2023)
Angaben zu Arzneimitteln und Dosierungen stehen hier bewusst nicht; sie richten sich immer nach ärztlicher Anordnung.
Quellen: DNQP 2022 – Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung 2022, frei zugänglicher Auszug; DNQP-Workshop 2023 – M. Simon, Die 2. Aktualisierung des Expertenstandards Sturzprophylaxe in der Pflege, Vortrag beim 25. Netzwerk-Workshop des DNQP am 22.09.2023; World Falls Guidelines 2022 – Montero-Odasso u. a., World guidelines for falls prevention and management for older adults – a global initiative, Age and Ageing 51(9) afac205, 2022; NICE 2025 – NG249 Falls – assessment and prevention in older people and in people 50 and over at higher risk, veröffentlicht 29.04.2025, aktualisiert 05/2025; MSD Manual Stürze – MSD Manual Profi-Ausgabe, Stürze bei älteren Menschen, Fassung ohne Datum im Suchauszug vom 30.09.2026. Abgerufen am 29.09.2026. Stand 29.09.2026. Fachlicher Stand: 09/2026.
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