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Hautreaktionen bei Strahlentherapie (Radiodermatitis)
Radiodermatitis, Strahlendermatitis, Strahlenreaktion der Haut, Bestrahlung Haut, Strahlenhaut, Radioderm, akute Radiodermatitis, chronische Radiodermatitis, feuchte Epitheliolyse, nässende Haut nach Bestrahlung, Radiation Recall
Wichtiger Hinweis. Nurmedizinius ist Lernmaterial zur Vorbereitung auf Unterricht und Prüfungen in der Pflegeausbildung. Die Inhalte sind keine Handlungsanweisung für die Versorgung einzelner Patientinnen und Patienten und ersetzen weder ärztliche Anordnungen noch die Standards deiner Einrichtung. Im Notfall: Notruf 112.
Definition
Radiodermatitis ist eine Entzündung der Haut im Bestrahlungsfeld. Sie entsteht, weil die Strahlen auf dem Weg zum Tumor auch die Haut treffen. Man unterscheidet die akute Reaktion während und kurz nach der Bestrahlung von chronischen Veränderungen, die Monate bis Jahre später entstehen.
Was im Körper passiert
Die Oberhaut erneuert sich laufend aus der untersten Zellschicht (Basalzellen). Diese Zellen teilen sich häufig und reagieren deshalb empfindlich auf Strahlen. Die Strahlen schädigen das Erbgut dieser Zellen und lösen eine Entzündung aus. Viele Basalzellen sterben, die Oberhaut wird dünner, das Gewebe darunter schwillt an. Die Haut rötet sich wie bei einem Sonnenbrand und schuppt. Wachsen zu wenige Zellen nach, löst sich die Oberhaut stellenweise ab, und die Haut nässt.
Die Wirkung summiert sich mit jeder Sitzung. Darum wird die Reaktion oft noch nach der letzten Bestrahlung stärker. Bei Spätfolgen bleiben Entzündung und Gefäßschäden bestehen, und das Bindegewebe verhärtet (Fibrose).
Ursachen und Risikofaktoren
- Höhere Gesamtdosis und bestimmte Arten, die Dosis aufzuteilen (Fraktionierung)
- Bestrahlung von Brust, Kopf-Hals-Bereich oder Analregion: oft große Felder, Hautfalten, Feuchtigkeit und Reibung
- Gleichzeitige Medikamente, die die Strahlenwirkung verstärken, zum Beispiel Platinverbindungen, Cetuximab oder 5-Fluorouracil
- Persönliche Faktoren: hoher Body-Mass-Index, Hauttyp, Rauchen, Diabetes (Quelle: AHS 2026)
Symptome
- Rötung, Wärmegefühl, Juckreiz, Brennen
- Spannungsgefühl, Berührungsempfindlichkeit, Schmerzen
- Trockene, schuppende Haut
- Nässende Stellen, zuerst meist in Hautfalten, später auch auf glatter Haut
- Schwellung, Blutung schon bei kleinen Verletzungen
- Schwerste Form: abgestorbene Haut (Nekrose) oder tiefes Geschwür
Therapie
- Bei leichter Radiodermatitis können kortisonhaltige Cremes (topische Kortikosteroide) erwogen werden (Quelle: AHS 2026)
- Nässende Haut: saugfähige Wundauflagen, keine reinen Mullkompressen (Quelle: AHS 2026)
- Bei Infektzeichen: Wundabstrich, dann gezielte Behandlung. Antibiotische Salben nur bei Verdacht auf Infektion
- Schmerzmittel nach ärztlicher Anordnung
- Chronische Geschwüre: abgestorbenes Gewebe chirurgisch entfernen (Débridement), wenn die Durchblutung ausreicht, danach chirurgische Rekonstruktion; ergänzend kann eine Sauerstoff-Überdrucktherapie erwogen werden, nicht während einer laufenden Chemotherapie (Quelle: AHS 2026).
- Verhärtung (Fibrose): unter anderem Krankengymnastik
Pflege
- Haut im Bestrahlungsfeld bei jeder Pflege ansehen, besonders Hautfalten. Befund und Schweregrad dokumentieren.
- Schmerzen, Brennen und Juckreiz erfragen.
- Infektzeichen beachten: Fieber, übler Geruch, Eiter, Schmerzen, Rötung über das Bestrahlungsfeld hinaus.
- Beraten: täglich sanft mit lauwarmem Wasser und milder, parfümfreier Reinigung waschen, abtupfen statt reiben (Quelle: AHS 2026).
- Weite Kleidung aus Naturfasern, keine Pflaster auf bestrahlter Haut, Hitze und Sonne meiden, elektrisch rasieren (Quelle: AHS 2026, KID 2024).
- Farbmarkierungen auf der Haut nicht abwaschen (Quelle: KID 2024).
- Pflegeprodukte mit dem Strahlentherapie-Team absprechen, keine eigenen Versuche.
- Neue nässende Stellen, Blutungen oder Infektzeichen sofort dem Team melden.
Vorbeugung
- Vor Beginn über Hautpflege und Warnzeichen aufklären.
- Schonende Pflege während der ganzen Bestrahlung und bis zur Abheilung
- Bei Bestrahlung von Brust, Brustwand oder Kopf-Hals-Bereich können vorbeugend kortisonhaltige Cremes eingesetzt werden (Quelle: AHS 2026; MASCC 2023).
- Dünne Schutzfolien auf der Haut können bei Brustkrebs und ausgewählten Kopf-Hals-Tumoren die Schwere mindern (Quelle: MASCC 2025).
Komplikationen
- Infektion offener Hautstellen
- Starke Schmerzen, schlechtere Lebensqualität
- Radiation Recall: Die frühere Bestrahlungsstelle entzündet sich erneut, wenn später bestimmte Krebsmedikamente gegeben werden, etwa Doxorubicin oder Docetaxel.
- Spätfolgen: dünne Haut (Atrophie), Verhärtung (Fibrose), erweiterte Äderchen (Teleangiektasien), Farbveränderungen
- Lymphödem, dauerhafter Haarverlust, weniger Schweiß im Feld
- Chronische Geschwüre
Ergänzt aus Fachquellen
- Bis zu 90 % der Bestrahlten bekommen eine leichte Reaktion (Grad 1), etwa 20 % eine schwere Form (Quelle: AHS 2026).
- Erste Zeichen meist 1 bis 4 Wochen nach Beginn. Am stärksten oft bis 2 bis 3 Wochen nach dem Ende der Bestrahlung (Quelle: AHS 2026).
- Die Beschwerden klingen meist innerhalb von 3 bis 4 Wochen nach Therapieende ab (Quelle: KID 2024); die Zeichen einer stärkeren Reaktion können mehrere Wochen anhalten (Quelle: AHS 2026).
- Chronische Radiodermatitis: später als 90 Tage nach Therapieende, fortschreitend und nicht umkehrbar (Quelle: AHS 2026).
- CTCAE Version 5.0 – Grad 1: leichte Rötung oder trockene Schuppung. Grad 2: mäßige bis kräftige Rötung, nässende Flecken vor allem in Hautfalten, mäßige Schwellung (Quelle: AHS 2026).
- Grad 3: nässende Flächen auch außerhalb von Hautfalten, Blutung bei kleinen Verletzungen. Grad 4: lebensbedrohlich, Nekrose oder Geschwür durch die ganze Lederhaut, spontane Blutung, Hauttransplantation nötig (Quelle: AHS 2026).
- Die meisten untersuchten Cremes und Mittel werden international mangels Belegen nicht empfohlen (Quelle: MASCC 2023).
Angaben zu Arzneimitteln und Dosierungen stehen hier bewusst nicht; sie richten sich immer nach ärztlicher Anordnung.
Quellen: AHS 2026 – Alberta Health Services, Cancer Care Alberta, Clinical Practice Guideline SUPP-025 Radiation Dermatitis, Version 2, gültig ab März 2026, nächste Überprüfung 2030; MASCC 2023 – Multinational Association of Supportive Care in Cancer, Behroozian T. et al., MASCC clinical practice guidelines for the prevention and management of acute radiation dermatitis – international Delphi consensus-based recommendations, Lancet Oncology 2023, Band 24, Heft 4, Seiten e172–e185; MASCC 2025 – Multinational Association of Supportive Care in Cancer, Lee S. F. et al., MASCC oncodermatology clinical practice statement zur Vorbeugung und Behandlung der akuten Radiodermatitis mit Filmverbänden, Supportive Care in Cancer 2025, Band 33, Artikel 1163; KID 2024 – Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums, Nebenwirkungen an der Haut durch Therapien gegen Krebs, aktualisiert am 06.03.2024. Abgerufen am 29.09.2026. Stand 29.09.2026. Fachlicher Stand: 09/2026.
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