Nurmedizinius › Krankheitsbilder › Ohr
Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit
Hörminderung, Hörverlust; Gehörlosigkeit = Taubheit; Altersschwerhörigkeit = Presbyakusis
Wichtiger Hinweis. Nurmedizinius ist Lernmaterial zur Vorbereitung auf Unterricht und Prüfungen in der Pflegeausbildung. Die Inhalte sind keine Handlungsanweisung für die Versorgung einzelner Patientinnen und Patienten und ersetzen weder ärztliche Anordnungen noch die Standards deiner Einrichtung. Im Notfall: Notruf 112.
Definition
Schwerhörigkeit: Das Hörvermögen ist vermindert – von leichter Einschränkung bis zu starkem Hörverlust, bei dem Töne noch ankommen, Sprache aber nicht mehr verstanden wird. Gehörlosigkeit: Das Gehör ist ganz verloren oder extrem vermindert.
Was im Körper passiert
Schall gelangt über Gehörgang, Trommelfell und Gehörknöchelchen (Mittelohr) ins Innenohr. In der Hörschnecke wandeln Haarzellen die Schwingungen in Nervensignale um, der Hörnerv leitet sie zum Gehirn. Schallleitungsschwerhörigkeit: Gehörgang, Trommelfell oder Mittelohr sind gestört (z. B. Ohrenschmalz, Paukenerguss) – der Schall kommt nicht richtig im Innenohr an. Schallempfindungsschwerhörigkeit: Der Schall erreicht das Innenohr, wird aber nicht in Nervensignale umgesetzt (Haarzellen geschädigt, z. B. durch Lärm oder Alter) oder nicht weitergeleitet (Hörnerv).
Ursachen und Risikofaktoren
- plötzlich: Ohrenschmalzpfropf, Fremdkörper (Kinder), Paukenerguss, Trommelfellverletzung mit Loch, akuter
- Lärmschaden, Hörsturz, Schädelbasisbruch, innenohrschädigende Medikamente (Schleifendiuretika, Aminoglykosidantibiotika, Zytostatika)
- schleichend: Lärm über 85 Dezibel über Monate bis Jahre; Altersschwerhörigkeit (Haarzellen verschleißen, gefördert durch Bluthochdruck und Dauerlärm); Otosklerose, Morbus Menière, Akustikusneurinom
- Gehörlosigkeit angeboren: erblich; Infektion des Ungeborenen (Röteln, Toxoplasmose, Zytomegalie);
- Sauerstoffmangel oder Hirnblutung bei der Geburt
- Gehörlosigkeit erworben: Hörsturz, Infektionen des Ohres (etwa chronische Otitis media), Hirnhautentzündung, Lärm, Otosklerose, Medikamente, Schädelbasistrauma
Symptome
- Sprache wird schlechter verstanden, besonders bei Umgebungslärm
- hochgradig: Geräusche hörbar, Sprache nicht mehr verständlich
- Kinder: unbehandelt lernen sie kaum oder gar nicht sprechen
Therapie
- Grunderkrankung behandeln (z. B. Ohrenschmalz entfernen)
- akute Ertaubung: Kortison als Infusion
- Hinter-dem-Ohr-Gerät: leicht zu handhaben; Im-Ohr-Gerät: Schallaufnahme am natürlichen Ort → besseres
- Sprachverstehen und Richtungshören; Gehörgangsgerät: unauffällig, aber schwer von Zerumen zu reinigen
- Luftleitungssystem: verstärkter Luftschall → über das Mittelohr zum Hörnerv
- Knochenleitungssystem (z. B. Knochenleitungsbrille, BAHA): Schwingung am Knochen hinter dem Ohr → über das Innenohr zum Hörnerv
- Cochlea-Implantat (elektroneural): Elektroden in der Hörschnecke reizen direkt den Hörnerv; bei hochgradigem
- Hörverlust bis Taubheit; Voraussetzung: intakter Hörnerv
Pflege
- mehr Zeit, Geduld und Einfühlung, besonders bei plötzlich Ertaubten
- Aufmerksamkeit wecken: winken, Schulter/Arm berühren, Licht an- und ausschalten
- anschauen, Mund frei, Gesicht gut beleuchtet; langsam und deutlich in kurzen Sätzen, möglichst Hochdeutsch, nicht schreien; Mimik und Gestik wie gewohnt; Wichtiges aufschreiben
- ruhige Umgebung, Radio/Fernseher aus
- Hörgerät stumm oder leise: eingeschaltet? Batterie leer? Ohrpassstück oder Gehörgang (Zerumen) verstopft?
- Hörvermögen verändert? pfeift: Ohrpassstück falsch eingesetzt oder zu klein, Schlauch/Winkelstück defekt; setzt aus: Feuchtigkeit (Schweiß, Kondenswasser), Defekt; drückt: Ohrpassstück passt nicht
- Hörgerät schützen: kein Wasser, keine Hitze, keine Stöße, kein Haarspray/Parfum; vor MRT und Röntgen ablegen;
- Batterien rechtzeitig wechseln
- Hilfsmittel: Licht- oder Vibrationswecker, Lichtsignalanlage (Hilfsmittelverzeichnis der Krankenkasse); Lippenlesen, Gebärdensprache; Hörgeräteakustiker, Selbsthilfe
- erhöhtes Sturz- und Unfallrisiko beachten
Vorbeugung
- Lärmschutz, Gehörschutz
- Neugeborenen-Hörscreening in den ersten Lebenstagen
Komplikationen
- Rückzug, Isolation, Depression, Stürze und Unfälle
- im Alter: kann Demenz begünstigen – Hörversorgung kann das abmildern
- Kinder: gestörte Sprachentwicklung
Ergänzt aus Leitlinien
- Einteilung Schallleitungs-/Schallempfindungsschwerhörigkeit (Quelle: MSD Manual Hörverlust 2025; gesundheitsinformation.de „Wie funktioniert das Ohr?“)
- weitere Ursachen: Hirnhautentzündung, Zytomegalie in der Schwangerschaft (Quelle: gesundheitsinformation.de Schwerhörigkeit bei Erwachsenen 2024 und bei Kindern 2025)
- Folgen: Depression, mehr Unfälle und Stürze; im Alter Demenz begünstigt, durch Hörversorgung abmilderbar (Quelle: gesundheitsinformation.de 2024; MSD Manual)
- Neugeborenen-Hörscreening in den ersten Lebenstagen mit OAE oder Hirnstammaudiometrie; unbehandelt lernt ein schwerhöriges Kind kaum sprechen (Quelle: G-BA-Elterninformation Hörscreening; gesundheitsinformation.de 2025)
- Hörtests: Weber, Rinne, Audiometrie, Tympanometrie, OAE, BERA (Quelle: MSD Manual Hörverlust)
- Cochlea-Implantat bei beidseitig tauben Säuglingen im 1. Lebensjahr, danach Hör- und Sprachtherapie und lebenslange Nachsorge (Quelle: S2k-Leitlinie Cochlea-Implantat-Versorgung, DGHNO-KHC 2020)
Angaben zu Arzneimitteln und Dosierungen stehen hier bewusst nicht; sie richten sich immer nach ärztlicher Anordnung.
Quellen: Abgeglichen mit: MSD Manual Hörverlust (2025); gesundheitsinformation.de (IQWiG): Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit bei Erwachsenen (2024) und bei Kindern (2025), Tipps für schwerhörige oder gehörlose Erwachsene (2024), Wie funktioniert das Ohr?; G-BA-Elterninformation Neugeborenen-Hörscreening; S2k-Leitlinie Cochlea-Implantat-Versorgung (AWMF 017/071, 2020). Stand 27.09.2026. Fachlicher Stand: 09/2026.
In der App lernenZum Lernzentrum