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Harninkontinenz
Urininkontinenz
Wichtiger Hinweis. Nurmedizinius ist Lernmaterial zur Vorbereitung auf Unterricht und Prüfungen in der Pflegeausbildung. Die Inhalte sind keine Handlungsanweisung für die Versorgung einzelner Patientinnen und Patienten und ersetzen weder ärztliche Anordnungen noch die Standards deiner Einrichtung. Im Notfall: Notruf 112.
Definition
Sammelbegriff für Symptome, deren gemeinsames Kennzeichen der unfreiwillige Urinverlust ist. Unterschieden werden die funktionelle Harninkontinenz (die Toilette wird zu spät erreicht) und die Harninkontinenz durch veränderte Speicher-und Entleerungsfunktion.
Was im Körper passiert
Normalerweise speichert die Blase den Urin, bis der Mensch ihn bewusst auf der Toilette entleert. Ist diese Speicher- oder Entleerungsfunktion gestört, geht Urin ungewollt ab. Das passiert z. B., wenn Nerven geschädigt sind (Schlaganfall, Demenz, diabetische Nervenschädigung), wenn eine vergrößerte Prostata den Abfluss behindert oder wenn der Beckenboden durch Geburten und Übergewicht belastet ist. Bei der funktionellen Harninkontinenz ist die Blase selbst in Ordnung: Der Mensch schafft den Weg zur Toilette nicht rechtzeitig, etwa wegen Verwirrtheit oder eingeschränkter Beweglichkeit.
Ursachen und Risikofaktoren
- neurologisch: Schlaganfall (Apoplex), Demenz; Stoffwechsel: Diabetes mellitus
- Obstipation
- erhöhtes Körpergewicht; mehrere Schwangerschaften und Geburten
- Prostatahyperplasie, Genitalverstümmelung (v. a. Frauen)
- Medikamente, z. B. Diuretika (z. B. Torasemid), ACE-Hemmer (z. B. Ramipril), Prostaglandine (z. B. Alprostadil), Antidepressiva (z. B. Citalopram)
- seelische Belastungen und Traumata, z. B. nach Missbrauch
Symptome
- unfreiwilliger Urinabgang
- funktionelle Form: Harndrang wird gespürt, die Toilette aber zu spät erreicht → Orientierung oder Mobilität reichen nicht Formen mit typischen Zeichen: siehe „Ergänzt“
Therapie
- je nach Form, siehe „Ergänzt“; Grundlage: Beckenbodentraining und Toilettengänge zu festen Zeiten
Pflege
- regelmäßige Intimhygiene; bei Frauen auf die Wischrichtung achten; bei Männern Vorhaut korrekt zurückschieben und reinigen (nicht bei männlichen Säuglingen)
- Einlagen und Tampons spätestens nach 8 h wechseln; besondere Hygiene bei Wochenfluss (Lochien)
- ausreichend trinken; leicht verdauliche, faserreiche Kost
- regelmäßig bewegen, Beckenboden trainieren
- sichere Umgebung und Tagesstruktur, bildhafte Beschilderung, zum Toilettengang immer zur gleichen Zeit auffordern; bei Kindern Vertrauen aufbauen
- über Inkontinenz und Bewältigungsstrategien aufklären; nie Druck oder Zwang
Vorbeugung
- Harninkontinenzprophylaxe = Maßnahmen unter „Pflege“ (Hygiene, Trinken und Ernährung, Bewegung und Beckenboden, Orientierung)
Komplikationen
- Urin auf der Haut → Intertrigo, höheres Dekubitusrisiko
- Rückzug aus Aktivitäten und zu wenig Trinken aus Angst, die Toilette nicht rechtzeitig zu erreichen
Ergänzt aus Leitlinien
- Formen: Belastungs-(Stress-)inkontinenz = Urinverlust bei Druckanstieg im Bauch (Husten, Niesen, Lachen);
- Dranginkontinenz = Urinverlust direkt nach plötzlichem Harndrang durch überaktiven Blasenmuskel (Detrusor), im Alter häufigste Form; Überlaufinkontinenz = ständiges Träufeln aus übervoller Blase (Abflusshindernis oder schwacher Detrusor); funktionelle Inkontinenz = Nerven und Harnwege intakt, Ursache sind geistige oder körperliche
- Einschränkungen oder die Umgebung; Mischform meist aus Belastung und Drang (Quelle: MSD Manual Profi, Harninkontinenz bei Erwachsenen 2026)
- behebbare Ursachen suchen (Merkwort DIAPPERS): Delir, Harnwegsinfekt, atrophische
- Harnröhren-/Scheidenentzündung, Medikamente (z. B. Diuretika, Anticholinergika, Opioide), psychische Störung, übermäßige Urinmenge, eingeschränkte Mobilität, Stuhlverhalt (Quelle: MSD Manual Profi 2026)
- Diagnostik: Miktionstagebuch über 48–72 h, Urinuntersuchung und -kultur, Restharn per Ultraschall (normal < 50 ml, im Alter < 100 ml akzeptabel), Hustentest bei Verdacht auf Belastungsinkontinenz (Quelle: MSD Manual Profi 2026) Therapie: Blasentraining (Toilettengang alle 2–3 h, Abstände schrittweise auf 3–4 h verlängern), Beckenbodentraining v. a. bei Belastungsinkontinenz; bei Dranginkontinenz Antimuskarinika (z. B. Oxybutynin) oder Mirabegron; OP (z. B. Schlinge); Dauerkatheter nur als letzte Lösung (Quelle: MSD Manual Profi 2026)
- Expertenstandard heißt jetzt „Kontinenzförderung in der Pflege“ (DNQP, Aktualisierung 2024, auch Stuhlinkontinenz): Ersteinschätzung zu Beginn des pflegerischen Auftrags, bei Problemen vertiefte Einschätzung (z. B. Miktionsprotokoll); Kontinenzprofile beschreiben den Unterstützungsbedarf (Quelle: DNQP-Expertenstandard Kontinenzförderung 2024)
- 3 Merksätze
- 1. Harninkontinenz = jeder unfreiwillige Urinverlust; funktionell = Toilette wird zu spät erreicht, die Blase ist gesund. 2. Belastung (Husten, Niesen) – Drang (plötzlicher Harndrang) – Überlauf (ständiges Träufeln) unterscheiden.
- 3. Beckenboden trainieren, Toilettengänge planen, behebbare Ursachen (Infekt, Medikamente, Verstopfung) suchen.
Angaben zu Arzneimitteln und Dosierungen stehen hier bewusst nicht; sie richten sich immer nach ärztlicher Anordnung.
Quellen: Abgeglichen mit: DNQP-Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024; MSD Manual Profi-Ausgabe, Harninkontinenz bei Erwachsenen (März 2026). Stand 27.09.2026. Fachlicher Stand: 09/2026.
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