Nurmedizinius › Krankheitsbilder › Pflegeprobleme und Prophylaxen
Schluckstörung (Dysphagie) und Aspiration
Dysphagie, Schluckstörung, Aspiration, Aspirationspneumonie, Verschlucken, Schluckbeschwerden, stille Aspiration, Aspirationsprophylaxe, Presbyphagie, Schlucktherapie, Kostanpassung, angedickte Getränke, IDDSI
Wichtiger Hinweis. Nurmedizinius ist Lernmaterial zur Vorbereitung auf Unterricht und Prüfungen in der Pflegeausbildung. Die Inhalte sind keine Handlungsanweisung für die Versorgung einzelner Patientinnen und Patienten und ersetzen weder ärztliche Anordnungen noch die Standards deiner Einrichtung. Im Notfall: Notruf 112.
Definition
Bei einer Schluckstörung (Dysphagie) ist der Weg von Speisen, Getränken oder Speichel vom Mund über Rachen und Speiseröhre in den Magen gestört. Gerät dabei etwas in die Atemwege, heißt das Aspiration. Fehlt der schützende Husten, spricht man von stiller Aspiration.
Was im Körper passiert
Am Schlucken sind mehr als 25 Muskelpaare beteiligt, die genau zusammenarbeiten müssen (Quelle: DGN 2020). Im Mund wird gekaut und mit Speichel vermischt, dann schiebt die Zunge den Bissen nach hinten. Im Rachen dichtet das Gaumensegel den Nasenraum ab, der Kehlkopf schirmt Stimmbänder und Luftröhre ab. Muskelbewegungen tragen den Bissen dann durch die Speiseröhre zum Magen.
Erkranken Gehirn, Nerven oder Muskeln, gerät das Zusammenspiel durcheinander: Reste bleiben im Rachen, oder Nahrung rutscht in die Luftröhre. Normalerweise folgt sofort Husten. Bleibt er aus, bemerken oft nicht einmal die Betroffenen die Aspiration. In der Lunge kann eine Entzündung entstehen (Aspirationspneumonie).
Ursachen und Risikofaktoren
- Schlaganfall – anfangs bei mindestens der Hälfte der Betroffenen (Quelle: DGN 2020)
- Parkinson, Multiple Sklerose, amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Myasthenia gravis, Schädel-Hirn-Trauma
- Demenz, teils mit stiller Aspiration
- Altersbedingte Veränderungen des Schluckens (Presbyphagie), etwa ab dem 60. Lebensjahr (Quelle: DGE 2025)
- Lange Beatmung auf der Intensivstation, Operationen im Halsbereich
- Mundtrockenheit, zum Beispiel als Nebenwirkung von Medikamenten
Symptome
- Husten, Räuspern oder Atemnot beim Essen und Trinken oder kurz danach
- Gurgelnde, raue oder veränderte Stimme
- Speisereste im Mund, Gefühl, dass der Bissen stecken bleibt
- Speichel oder Nahrung läuft aus Mund oder Nase
- Sehr langsames Essen, Meiden bestimmter Speisen oder Konsistenzen
- Gewichtsverlust, Flüssigkeitsmangel, Lungenentzündungen, Atemwegsinfekte oder unklare Infekte
- Stille Aspiration verläuft ohne Husten – fehlende Zeichen schließen sie nicht aus
Therapie
- Logopädische Schlucktherapie früh, regelmäßig und individuell, besonders nach Schlaganfall
- Die Logopädie trainiert Funktionen, übt Schlucktechniken und Haltungen ein und passt Kost und Umgebung an
- Konsistenz an die Kau- und Schluckfähigkeit anpassen; welche sicher ist, testet die Logopädie
- So viel Anpassung wie nötig, so wenig wie möglich – veränderte Kost senkt oft die Ess- und Trinkmenge
- Tablettenschlucken mitprüfen, passende Darreichungsform suchen
- Reicht Essen über den Mund nicht, kann eine Sonde nötig werden; eine Nasen-Magensonde stört das Schlucken meist nicht
Pflege
- Bei neurologischen Erkrankungen (z. B. Schlaganfall) ein standardisiertes Aspirationsscreening so früh wie möglich, am besten bei der Aufnahme – nach Schulung auch durch Pflegefachpersonen (Quelle: DGN 2020)
- Ein unauffälliges Screening schließt eine Dysphagie nicht sicher aus; bei hohem Risiko folgt eine genauere Untersuchung
- Warnzeichen beobachten, dokumentieren und ärztlich abklären lassen
- Ess- und Trinkmenge sowie Gewicht beobachten, Ernährungsscreening regelmäßig wiederholen
- Eng mit Logopädie, Ärztin oder Arzt, Zahnmedizin und Ernährungsfachkräften zusammenarbeiten
- Tabletten nicht eigenmächtig teilen oder zerkleinern – Aufnahme und Wirkung können sich ändern
Vorbeugung
- Aufrechte, stabile Sitzhaltung, Kopf leicht nach vorn geneigt
- Nach dem Essen etwa 20 Minuten aufrecht bleiben (Quelle: DGE 2025)
- Ruhe, viel Zeit, keine Ablenkung
- Kleine, teelöffelgroße Bissen; der nächste erst, wenn der Mund leer ist
- Festgelegte Konsistenz einhalten, Mischungen wie Suppe mit Einlage meiden
- Nach jeder Mahlzeit Mund kontrollieren und reinigen
- Regelmäßige Mundpflege
Komplikationen
- Aspirationspneumonie (Lungenentzündung durch eingeatmetes Material)
- Ersticken, wenn größere Stücke den Atemweg verlegen
- Mangelernährung und Gewichtsverlust
- Flüssigkeitsmangel, auch weil mit angedickten Getränken oft zu wenig getrunken wird
- Tabletten gelangen in die Atemwege oder werden nicht vollständig eingenommen
- Bei Parkinson ist die Lungenentzündung die häufigste Todesursache (Quelle: DGN 2020)
Ergänzt aus Leitlinien
- Nach Schlaganfall mit Dysphagie ist das Risiko einer frühen Aspirationspneumonie mehr als viermal so hoch (Quelle: DGN 2020).
- Im Alter betroffen: 30–40 % der selbstständig Lebenden, über 50 % im Pflegeheim, etwa 70 % der geriatrischen Krankenhauspatienten (Quelle: DGN 2020).
- Demenz: bei 20–30 % schwere Schluckstörungen mit stiller Aspiration (Quelle: DGN 2020).
- Nach langer Beatmung haben 70–80 % nach der Entwöhnung zumindest vorübergehend schwere Schluckstörungen mit Aspiration (Quelle: DGN 2020).
- Screening mit Wasser-Schluck-Test oder Mehr-Konsistenzen-Test; Pulsoxymetrie soll dafür nicht genutzt werden (Quelle: DGN 2020).
- IDDSI ordnet die Konsistenz von Speisen und Getränken in acht Stufen (Quelle: DGE 2025).
- Bei (Risiko für) Mangelernährung und Kau- oder Schluckproblemen: angereicherte, konsistenzangepasste Kost (Quelle: ESPEN 2022).
- Auch mit angepasster Kost bleibt bei chronischer neurogener Dysphagie das Risiko für Mangelernährung, Flüssigkeitsmangel und Aspirationspneumonie erhöht – regelmäßig überwachen (Quelle: DGN 2020).
Angaben zu Arzneimitteln und Dosierungen stehen hier bewusst nicht; sie richten sich immer nach ärztlicher Anordnung.
Quellen: DGN 2020 – S1-Leitlinie Neurogene Dysphagie, AWMF-Register 030-111, vollständig überarbeitet 02/2020, verlängert bis 28.02.2025, abgelaufen und in Überarbeitung; DGE 2025 – DGE-Praxiswissen „Essen und Trinken bei Kau- und Schluckstörungen im Alter“, 3. Auflage 2025; ESPEN 2024 – ESPEN guideline on nutrition and hydration in dementia, Update 2024, Clin Nutr 43, 1599–1626; ESPEN 2022 – ESPEN practical guideline Clinical nutrition and hydration in geriatrics, Clin Nutr 41, 958–989; DGEM 2025 – S3-Leitlinie Klinische Ernährung und Hydrierung im Alter, 2025; DNQP 2017 – Expertenstandard Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege, 1. Aktualisierung 2017, Auszug; gesund.bund.de 2024 – BMG-Gesundheitsportal, „Logopädie (Sprachtherapie)“, Stand 06.08.2024. Abgerufen am 29.09.2026. Stand 29.09.2026. Fachlicher Stand: 09/2026.
In der App lernenZum Lernzentrum